[DSW] "Sprachimperialistisches Denken": Offener Brief an die "Financial Times"

DEUTSCHE SPRACHWELT schriftleitung at deutsche-sprachwelt.de
Do Apr 3 10:27:28 CEST 2008


[Unsere Meldung "Schirrmacher gibt Sprachpreis zurück" vom 1. April war ein
Aprilscherz. Der folgende Brief an die Financial Times ist jedoch kein Ulk.]

DEUTSCHE SPRACHWELT
http://www.deutsche-sprachwelt.de
http://www.sprachpflege.info
http://www.deutsche-sprachwelt.de/nachrichten/neues_detail.php?id=502
- PRESSEMITTEILUNG -

Erlangen, 3. April 2008

„Sprachimperialistisches Denken“
Offener Brief der DEUTSCHEN SPRACHWELT an die „Financial Times“

The Financial Times Ltd.
Number One Southwark Bridge
London SE1 9HL
Großbritannien
observer at ft.com

Sehr geehrte Redaktion der „Financial Times“,

in einer kurzen Notiz vom 13. März dieses Jahres kommentiert die „Financial
Times“ unter der Überschrift „Vorteil oder Mißachtung?“ („An advantage or a
sign of disrespect?“) die Wahl von Porsche zum „Sprachwahrer des Jahres“
durch die Leser der Zeitschrift „Deutsche Sprachwelt“
(http://www.ft.com/cms/s/2/be6643cc-f137-11dc-a91a-0000779fd2ac.html).

Wir werden darüber unterrichtet, daß Porsches Vorstandsvorsitzender „öfters
mit seinen Fähigkeiten im Kartoffelanbau wirbt und gern ein entschieden
deutsches und sogar provinzielles Selbstbild von sich zeichnet“. Wir fragen:
Ist Kartoffelanbau schlechter als britische Schafzucht, und ist ein
deutsches Erscheinungsbild gleichbedeutend mit Provinzialität? Anscheinend
ist das für Zeitungen von (verlorenen*) Imperien der Fall.

Ein weiterer Kritikpunkt scheint zu sein, daß „die Firma darauf besteht, daß
alle Entwicklungsarbeit – und vieles mehr – auf deutsch erfolgt, auch wenn
sich ihr größter Markt in den Vereinigten Staaten befindet“. Nach dieser
Logik sollte eine britische oder amerikanische Firma, deren größter Markt
zum Beispiel in Brasilien liegt, Portugiesisch für ihre Entwicklungsarbeit
und andere Tätigkeiten verwenden.

Ein Porschesprecher wird zitiert mit der Aussage „Wir würden uns eines
entscheidenden Vorteils berauben, wenn wir unsere Muttersprache über Bord
werfen, nur um uns einen modernen Anstrich zu geben“. Mit dieser Haltung,
meint die Financial Times, passe Porsche gut zum VW-Konzern, der seit der
Übernahme durch Martin Winterkorn seine Kommunikation deutlich verdeutscht
habe. Es mißfalle Fachleuten, „daß noch mehr auf deutsch gehaltene
Konferenzen und Reden den Investoren eine besorgniserregende Mißachtung
vermitteln“.

Daß der Firmensprecher in Porsches Pressemitteilung vom 12. März
ausdrücklich betonte, daß Fremdsprachenkenntnisse für eine exportorientierte
Firma unabdingbar seien und Sitzungen in Asien oder Nordamerika
selbstverständlich auf englisch stattfinden, wird verschwiegen. Für die
Financial Times sind anscheinend Investoren und Aktienbesitzer, auch wenn
sie nur einen Bruchteil des Aktienkapitals halten, die einzigen, die zählen
– eine recht engstirnige Sicht auf ein in Deutschland verwurzeltes
Unternehmen. Wenn Fachleute und Investoren so dringend wissen möchten, was
sich tut, warum lernen sie dann kein Deutsch?

Schließlich ist die Frage der Aktionärsstimmrechte einzig und allein eine
Angelegenheit der Familien, die die Aktienmehrheit besitzen, und gewiß
keine, bei der sich Zeitungen einmischen sollten. Bedauerlicherweise
spiegelt die Notiz der Financial Times ein sprachimperialistisches Denken
wider. Wenn der Gebrauch der Muttersprache in Deutschland als Zeichen der
Mißachtung von Englisch betrachtet wird, läßt sich das schlecht mit
europäischer Partnerschaft vereinbaren.

Mit freundlichen Grüßen

DEUTSCHE SPRACHWELT
Verein für Sprachpflege e. V.

Postfach 1449
91004 Erlangen
DEUTSCHLAND
schriftleitung at deutsche-sprachwelt.de


*Gemäß einem Artikel von Robert McCrum im „Observer“ vom 18. März 2001:
„Großbritannien mag ein Imperium verloren haben, aber es hat einen Planeten
gewonnen“ (im Hinblick auf die Sprache)



Erlangen, April 3rd, 2008

“Mentality of Language Imperialism”
Open Letter from DEUTSCHE SPRACHWELT to „Financial Times“

To the Editor

The Financial Times Ltd.
Number One Southwark Bridge
London SE1 9HL
United Kingdom
observer at ft.com

Dear Sir,

In a brief note dated March 13th, the Financial Times comments on Porsche’s
election as “Sprachwahrer des Jahres” (Language Preserver of the Year) by
the readers of “Deutsche Sprachwelt” Magazine under the headline “An
advantage or a sign of disrespect?”
(http://www.ft.com/cms/s/2/be6643cc-f137-11dc-a91a-0000779fd2ac.html).

We are informed that Porsche’s chief executive “often touts his potato
farming image and likes to portray a resolutely German and even provincial
image”. We ask: Is potato farming worse than British sheep breeding, and
does a German image equal provinciality? Evidently this is the case for
newspapers in (lost*) empires.

A further point of criticism seems to be that “the company insists on all
development work – and much else – being done in German, even when its
largest market is in the US.” According to this logic, a British or American
company with its largest market in Brazil, for instance, ought to use
Portuguese for its development and other work.

A Porsche official is cited with the statement “We would rob ourselves of
one of our most decisive advantages if we were to throw our mother tongue
overboard just to give us a modern complexion” and in this approach, the
Financial Times feels, “Porsche fits in well with VW, which has distinctly
Germanised its communications since Martin Winterkorn took over as chief
executive.” Furthermore, analysts are reported to be displeased that “more
conferences and speeches being conducted in German communicates a worrying
disrespect to investors.”

No mention is made that in Porsche’s press release of March 12th the point,
that the command of foreign languages is essential in an export-oriented
company, is stressed, and “in meetings in North America and in Asia
naturally English is spoken”. For the Financial Times investors and
shareholders are evidently the only ones who count, even if they control
only a fraction of the capital – a rather narrow point of view on a company
embedded in German society. If analysts and investors are so keen on knowing
what is going on, why do they not learn German?

Finally, the question of shareholders’ voting rights is solely a matter of
the families owning the majority of shares and certainly not one for a
newspaper to mingle in. Regrettably, the Financial Times’ note reflects a
mentality of language imperialism ill suited for European partnership if the
use of one’s mother tongue in Germany is considered a sign of disrespect of
English.

Yours faithfully

DEUTSCHE SPRACHWELT
Verein für Sprachpflege e. V.

Postfach 1449
91004 Erlangen
GERMANY
schriftleitung at deutsche-sprachwelt.de


*According to an article by Robert McCrum in the “Observer” on March 18,
2001 “Britain may have lost an empire, but it has gained a planet” (in terms
of language)

***************

Die DEUTSCHE SPRACHWELT http://www.deutsche-sprachwelt.de ist mit rund
80.000 Lesern (Leserbefragung 2002) die größte deutsche Sprachzeitung. Sie
erscheint vierteljährlich und ist Sprachrohr und Plattform einer ständig
wachsenden Bürgerbewegung, die sich um die deutsche Sprache sorgt und für
ein neues Sprachbewußtsein eintritt. Die DEUTSCHE SPRACHWELT kämpft für die
Erhaltung einer lebendigen deutschen Sprache.

Schriftleitung: Thomas Paulwitz
DEUTSCHE SPRACHWELT
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